PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers PROKLA 194: Weltmarktgewitter. Zu Politik und Krise des globalen Kapitalismus

admin am 16. Juli 2018

Call for Papers PROKLA 194
Weltmarktgewitter. Zu Politik und Krise des globalen Kapitalismus
(Heft 1, März 2019)

Kapitalistische Krisen sind immer begleitet von einem politischen Kampf darum, wer die Anpassungslasten zu tragen hat. Nach der letzten Weltwirtschaftskrise ab 2007 wurde bald deutlich, dass sich das Kapital nicht nur auf Kosten der Subalternen und der Natur konsolidieren konnte. Die dominanten EU-Staaten wie Deutschland sicherten sich ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt auch zuungunsten der EU-Peripherie. Auch auf dem Weltmarkt begann das Hauen und Stechen zwischen den „nationalen Wettbewerbsstaaten“ (Joachim Hirsch). Im Blätterwald ist inzwischen von einem von den USA entfachten „Handelskrieg“ die Rede, der zunehmend den „freien Weltmarkt“ infrage stellt.

Wer die Geschichte der Krisen im Kapitalismus kennt, den dürfte diese Dynamik der letzten Jahre nicht verwundern. Nicht ohne Grund folgt der ökonomischen Krise stets eine Debatte über die wirtschaftspolitische Rolle des Staates auf dem Fuß – bei jeder Krise auf andere Weise, aber mit jeder erneut. So heißt es schon angesichts der ersten großen Weltwirtschaftskrise Ende 1857 in einem Brief von Marx an Engels: „Dass die Kapitalisten, die so sehr gegen das ‚droit au travail‘ schrien, nun überall von den Regierungen ‚öffentliche Unterstützung‘ verlangen […], also das ‚droit au profit‘ auf allgemeine Unkosten geltend machen, ist schön“ (MEW 29, 223f.). Nach dem Gründerkrach 1873 setzte Bismarck in Deutschland 1878 die sogenannte Schutzzollpolitik durch. Der großen Depression von 1929 folgte eine Desintegration des Weltmarktes und nach 1945 wurde der „freie Handel“ ein zentrales politisches und ideologisches Motiv, um gegen die Sowjetunion einen ökonomischen Block zu konstituieren, der vermeintlich aus der Geschichte gelernt hatte – diese Agenda herrscht bis heute. Ähnlich verliefen die ersten Jahre der europäischen Integration. Mit der Krise in den 1970er Jahren sollte der Welthandel noch globaler und noch freier werden, der Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise sein – schon bald löste die WTO das GATT ab. In kleinem Maßstab lässt sich eine derartige Entwicklung auch für die Europäische Union skizzieren, mit einem kurzen Intermezzo, als etwa Ende der 1970er Jahre Italien gegen das dominanter werdende Deutschland Schutzzölle einführte. Als die Krise ab 2007 den Kapitalismus erschütterte, schienen die Regierungen und Zentralbanken des globalen Nordens ihre Lektion aus der Geschichte gelernt zu haben: Kooperation statt Staatenkonkurrenz war zunächst die Prämisse der Krisenpolitik. Inzwischen sieht es anders aus. Wurde in den 1970er Jahren der Weltmarkt als Lösung präsentiert, so wird er heute (zumindest von den USA) für die Krise verantwortlich gemacht.

Das „kapitalistische Gesamtinteresse“, das der bürgerliche Staat eruiert, formuliert und schließlich zu verfolgen versucht, bezieht sich nicht allein auf die nationale, sondern immer auch auf die internationale Ebene. Er muss es mit und gegen andere Staaten durchsetzen. Nationalstaaten berücksichtigen nicht einfach nationale Unternehmensinteressen, sondern auch dasjenige Kapital, das global ausgerichtet ist. Dabei muss die Politik die eigene Ökonomie auf dem Weltmarkt stärken. Dieser ist damit kein rein ökonomisches Terrain, sondern immer auch eine politisch verfasste Form der Aneignung des global produzierten „Reichtums der Nationen“. Der Weltmarkt und der Außenhandel sind ein politisches Feld, auf dem Auseinandersetzungen um die Veränderung interner wie externer Machtverhältnisse stattfinden – auch zwischen Kapital und Lohnarbeit sowie im Hinblick auf die gesellschaftlichen Naturverhältnisse.

Die geplante PROKLA geht der Frage nach, wie politische Akteure versuchen, die Wirtschaft und ihre politische Verfasstheit selbst für sich – nach innen wie nach außen – in Dienst zu nehmen und welche Mittel hierfür gewählt werden. Vor diesem Hintergrund laden wir dazu ein, Beiträge einzureichen, die sich mit den politökonomischen Gründen für die Abkehr von der bisherigen Form des Weltmarkts im Zuge der Krise seit 2007 befassen. Handelt es sich lediglich um eine politische Konjunktur des Protektionismus und der Aufkündigung des Multilateralismus oder werden hierbei strukturelle Veränderungen sichtbar? Insbesondere wünschen wir uns Artikelvorschläge zum Weltmarkt und globalem Kapitalismus, empirische Analysen zur Krise und Dynamik des Welthandels und seiner Institutionen sowie Länderanalysen, die Dynamiken und Triebkräften auf den Grund gehen:

  • Welche Rolle spielt die Hierarchie der Währungen bei der politischen und ökonomischen Verfasstheit des Weltmarktes?
  • Welchen Beitrag liefern heute noch weltmarktbezogene Konzepte wie Dependenz, ungleicher Tausch, Modifizierung des Wertgesetzes, Externalisierung, imperiale Lebensweise und Diskussionen über globale Ungleichheit? Weisen sie auf eine Leerstelle bezüglich eines umfassenden Verständnisses der globalen Arbeitsteilung hin, wie es sich einst die Weltsystemtheorie zum Ziel setzte?
  • Befinden sich die Weltmarkttheorien wieder einmal in der Krise (wie es auch Mitte der 1980er Jahre die PROKLA 59 konstatierte)? Oder lässt sich aktuell vielmehr von einer Rückkehr global orientierter polit-ökonomischer Theorien sprechen?
  • Welche theoretischen Konzepte sind für Verhältnisse nötig, bei der Politik und Ökonomie derart verschränkt sind wie beim Weltmarkt?
  • Lässt sich vom Weltmarkt überhaupt als einem Markt sprechen? Was ist eigentlich „frei“ am freien Handel?
  • Bleibt eine Diskussion des Welthandels nicht der (Waren-)Zirkulation verhaftet und dethematisiert folglich die Rolle des Geldkapitals – sowie des produktiven Kapitals?
  • Wie ist der Rückgang des Welthandels seit 2014 zu erklären? Lässt sich das Ende eines Globalisierungszyklus konstatieren?
  • Die WTO ist bereits seit Jahren in der Krise und es dominieren bilaterale Handelsabkommen. Warum?
  • Welche Rolle spielt die Steuerpolitik im Rahmen der Konkurrenz um anlagesuchendes Kapital?
  • Inwiefern handelt es sich bei der derzeitigen Protektionismus-Rhetorik um ein kurzzeitiges Phänomen? Inwiefern strukturiert es den Weltmarkt langfristig neu? Was sind die Hintergründe des „Handelskrieges“ von dem derzeit die Zeitungen berichten?
  • Kann ein „linker“ und ein „rechter“ Protektionismus unterschieden werden – wenn ja, wie? Müssen sich Linke zwischen Protektionismus und Freihandel entscheiden?
  • Inwiefern können die traditionell fordistisch abgesichterten Industriearbeiter des Globalen Nordens als Verlierer der Globalisierung bezeichnet werden?
  • Stehen die Versuche der Rettung des Iranabkommens ohne die USA für eine allgemeine geopolitische Reorientierung?
  • Welche Rolle spielen transnationale Unternehmen (TNU) in der Organisation und politischer Regulation globaler Wertschöpfungsketten?
  • Beim globalen Agrarhandel ist von Krise keine Spur, vielmehr befindet er sich im Aufwind, das Handelsvolumen wuchs zwischen 2006 und 2016 um 70 Prozent. Woran liegt das?
  • Inwiefern ist die derzeitige Rückkehr zum Protektionismus auch als eine Reaktion auf eine vergangene Phase der Externalisierung begreifen?
  • Welche ressourcen- und senkenbezogene ökologische Krisenphänomene liegen den geopolitischen und ökonomischen Konflikten zugrunde?
  • Was bedeutet die aktuelle weltwirtschaftliche Situation für exportgetriebene Wirtschaftsmodelle wie dasjenige Deutschlands oder Chinas?
  • Vertieft sich die Reprimarisierung Lateinamerikas im Rahmen des „Entwicklungsextraktivismus“ und der Rückkehr der Rechten?
  • Ist Indien das neue China? Eine neue Werkbank der Weltwirtschaft?
  • In welcher Form integrieren sich derzeit Teile von Afrika in die globale Arbeitsteilung? Lässt sich eine neue Konjunktur der Landnahme feststellen?
  • Welche finanziellen und produktiven Verschiebungen finden derzeit in den (Semi-)Peripherien abhängig und unabhängig von China statt?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 15. August 2018 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 30. November 2018 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte an:

PROKLA-Redaktion: redaktion@prokla.com
Jakob Graf: jako.kob@gmail.com
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